Oh entschuldige, ich wollte dich gar nicht sehen

Oder: Was passiert mit der Freundschaft, wenn sie durch den Magen durch ist?


Wir haben sie alle. Diese Personen, die man einfach nicht sehen will. Leute aus der Schulzeit, die einen gemobbt oder sich immer wieder lustig über dich gemacht haben. Vor allem bei Heimatbesuchen besteht die Gefahr, dass dir so jemand über den Weg läuft.
Und dann gibt es noch die, über deren Anblick du dich früher gefreut hast. Ihr habt euch super verstanden, wart beste Freunde und das über viele Jahre. 
Und dann kam der Bruch.
So ist es mir vor kurzem ergangen.
Ich war am Wochenende meine Eltern besuchen, mache mich am Sonntag auf den Weg zum Bahnhof und wäre fast in meine ehemalige gute Freundin und ihre Mutter reingelaufen. Und was mach ich? Drehe mich auf dem Fuß um und beziehe hinter dem nächsten Pfeiler Stellung, bete, dass sie mich nicht gesehen haben mögen.
Furchtbar oder? Was ist an einem einfachen "Hallo, wie gehts?" oder einem simplen Handwinken als Zeichen des Erkennens so schlimm? Man muss ja nichtmal ein Gespräch anfangen.
Es ist viel passiert und irgendwann verpasst man den Punkt, an dem man einen solchen Bruch noch kitten könnte, an dem man sich doch noch einmal zaghaft annähert und man der Freundschaft noch eine Chance geben könnte...

Ich kannte dieses Mädchen seit der 7. Klasse. Wir waren Teil einer kleinen Vierer-Gruppe, die sich in regelmäßigen Abständen gegen die Mobbing-Attacken ihrer Mitschüler zur Wehr setzen durfte. Innerhalb unserer Gruppe gab es auch kleine Reibereien, aber wir waren gute Freunde. 2 davon habe ich direkt nach der 10. Klasse aus den Augen verloren. Handys gab es zwar, aber Internet zum Kontakt halten wie heute, hatten wir nicht. Aber das Mädchen ging mit mir auf die fortführende Schule, sogar in die gleiche Klasse. Auch da waren wir wieder Teil eines Vierer-Gespanns, aber diesmal ohne kindische Reibereien.
Mit meinem ersten Freund in der 13. Klasse haben wir einen Teil der Gruppe verloren. Auf einmal wollte sie nicht mehr mit uns sprechen, nicht mehr in der Pause bei uns sein. Also bestritten wir unser Abitur zu dritt, gingen gelegentlich Abends weg oder nahmen am Stadtfest teil. Wir waren auch die ersten, die gelangweilt vom Abiball verschwanden.
Den Sommer nach den Prüfungen verbrachten wir zusammen, fuhren an Badeseen oder machten Ausflüge in die Hauptstadt. Immerhin würden wir uns bald trennen. Ein Teil von uns zog es für das Studium an die Küste, mich hingegen nach Berlin. Und meine Freundin fand dort eine Ausbildungsstelle und zog mit mir zusammen in eine Wohnung.
Vielleicht war das schon der erste Fehler. Man sollte nicht mit Freunden zusammen wohnen. Es gibt immer einen, der mehr putzt und sich kümmert. Und weil man befreundet ist, sagt man dem anderen nicht, dass man nicht alleine verantwortlich sein will für die Wohnung.

Aber der Grund für die Trennung war das nicht.
Plötzlich standen bei diesem Mädchen andere Interessen im Vordergrund. Personen traten in ihr Leben, denen sie mehr Zeit widmete als uns, von denen wir ihr abrieten, weil wir wussten, sie würden ihr nicht gut tun. Wir hatten Recht. Und sollten für sie da sein, obwohl wir vorher unseren Mund halten sollten.
Das hat mich schwer enttäuscht und ich fing an, mich von ihr zurückzuziehen. Was schwer ist, wenn man zusammen wohnt. Ich habe mir zu speziellen Zeiten essen gemacht, oder habe an der Tür gelauscht, ob sie im Flur ist, bevor ich aus meinem Zimmer kam. Ich bin nicht der Typ für offene Ausprachen und Konfrontationen. Ich trete lieber den Rückzug an. Und so haben wir nebeneinanderher gelebt. Früher haben wir die Wocheneinkäufe zusammen erledigt, sind mit dem Zug zu unseren Familien gefahren. Nun herrschte Schweigen, weil keiner auf den anderen zugehen wollte. Sie zog aus und ich war nicht da. Am PC habe ich gefragt, wohin sie gezogen ist, wie ihr die Wohnung gefällt. Das war vor fast 5 Jahren. Heute gibt es per Gesichtsbuch eine Mail zum Geburtstag und das wars. Aus 7 Jahren Schulfreundschaft ist eine gesichtslose Bekanntschaft geworden.
Vielleich hätten wir uns anstrengen müssen, das Gespräch suchen. Oder wir waren an einem Punkt, an dem aus Schulfreundinnen einfach keine erwachsenen Menschen werden konnten, die eine erwachsene Freundschaft pflegen.

Ich bin nicht gut in sozialen Kontakten. Man frage nur meine Freundin von der Küste, die nach ein paar Jahren in den Westen zog, um nun seit einem knappen Jahr in Berlin zu leben. Irgendwie haben wir diese Fernbeziehung überstanden. Und das, obwohl ich nie anrufe. Selbst zu meiner Hochzeit konnte sie sich diesen kleinen Seitenhieb in ihrer Trauzeuginnen-Rede nicht verkneifen (ich weiß, du wirst das lesen ^^). 
Heute bin ich Mitglied in einer Fünfer-Gruppe, ich habe mich gesteigert, wie ihr seht. Wir reden, egal ob über Belangloses oder Wichtiges. Wir vertrauen uns Sachen an, für die wir uns schämen, sie getan zu haben. Und wir reden darüber, wir schweigen es nicht tot oder verurteilen den anderen dafür. 

Habt ihr auch schon einmal jemand wichtigen für euch aus den Augen verloren? Ein sinnloser Streit, den ihr nicht beilegen wolltet? Oder ein neuer Partner, der euch so in Beschlag genommen hat, dass ihr für diese Person keine Zeit mehr hattet?

Kommentare:

  1. Ich habe eine ähnliche Entwicklung hinter mir, Dana.
    Offene Konfrontationen und Aussprachen waren lange Zeit nichts für mich und auch heute tue ich mich nicht leicht damit.
    Dadurch sind viele Freundschaften kaputt gegangen. Heute versuche ich es oft anders zu machen, denn miteinander reden ist das Wichtigste.

    Vor ein paar Monaten ging auch bei mir eine langjährige Freundschaft in die Brüche. Früher einmal waren auch wie beste Freundinnen gewesen. Aber dann hatten sich unsere Leben in völlig andere Bahnen entwickelt und es passte einfach nicht mehr zwischen uns uns. Aber während dieses Prozesses miteinander zu reden, haben wir geschwiegen. Vielleicht wäre es anders gekommen. Auf jeden Fall kam es zum Bruch. Vor zwei Monaten habe ich sie auf einer Feier wieder getroffen. Es war ein komischer Moment, aber wir grüßte uns zumindest. Und später setzte sie sich zu mir und wir redeten ein wenig.
    Ich war ihr sehr dankbar dafür, denn ich hätte diesen Schritt wieder nicht gewagt. Was daraus wird wissen wir nicht und stellen auch keine Ansprüche. Zumindest wissen wir, dass die Türe nicht ganz geschlossen ist und das ist oft auch schon viel wert.

    Liebe Grüße
    Sonja

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    1. Ich stelle mir dieses Gespräch sehr holprig vor. Wie redet man mit jemandem, der einem früher so vertraut war und jetzt ist da diese Kluft? Allein schon um solchen Situationen aus dem Weg zu gehen, würde ich wohl das Schweigen bevorzugen. Aber bei mir ist es eben auch ein Stück weit Feigheit.

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